- The Barbarians -
Are You a Boy or Are You a Girl?
Die Veränderungen der Geschlechterrollen und ein neudefiniertes Selbstbewusstsein hatten sich seit den 1950ern auch in der zunehmend für Teenager produzierten populären Musik gezeigt. Für die Frauen gab es "W.O.M.A.N." von Etta James, "You Don't Own Me" von Lesley Gore und "The Pill" von Loretta Lynn. Bei den Männern entsprachen dem Songs wie "Ich bin ein Mann" von Ted Herold, "I'm Not Like Everybody Else" von den Kinks und "Take Me For What I'm Worth" von den Searchers, geschrieben von P.F. Sloan von den Grassroots. Für Homosexuelle existierten in der damaligen Illegalität halbwegs direkte Botschaften in "A Taste of Honey" aus dem gleichnamigen Musical und "You've Got To Hide Your Love Away" von den Beatles.
Allerdings geschah das in einem Umfeld, wo die Musik mehrheitlich die traditionellen Geschlechterrollen propagierte oder sogar antiemanzipatorische Verhaltensweisen verbreitet wurden. Dazu gehörten "Stand By Your Man" von Tammy Wynette, das heute eher als Parodie wahrgenommen und deshalb akzeptiert wird, aber auch "He Hit Me, It Felt Like a Kiss" von den Crystals und "Johnny Get Angry" von Joanie Sommers über eine Frau, die ihren Freund absichtlich eifersüchtig macht, damit er ihr dann eine Lektion erteilt, also sie verprügelt, damit sie weiß, dass er sie noch liebt.
Menschen, die sexuell hörig sind, werden sich an solchen Songtexten möglicherweise aufrichten, weil sie sich darin verstanden fühlen. Ebenso ließen sich hier beliebig weitere Songs hinzufügen, über Prostitution, Fetischismus, Tätowierungen, Lack & Leder und sonstwie sexualisierte Kleidung, die bei entsprechender Neigung als frühzeitiger musikalischer Aufbruch interpretiert werden könnten. Aber hier soll es um eine entgegengesetzt gerichtete Entwicklung gehen, bei der die Geschlechter sich aneinander angeglichen haben.
Emanzipation wird meistens so verstanden, dass Frauen endlich all das tun können, was unter den gesellschaftlichen Bedingungen des Patriarchats Männern vorbehalten war. Ein passendes Beispiel dazu wäre "Wenn ich ein Junge wär auf einem Motorrad" von Rita Pavone. In den 1960ern entstand aber ebenso eine Bewegung, bei der Männer im Gegenzug auch Verhaltensweisen und Tätigkeiten von Frauen übernahmen.
Im Laufe der Zeiten gab es sehr unterschiedliche Haarmoden für Männer. Erst durch die Ausbreitung der allgemeinen Wehrpflicht ab dem 19. Jahrhundert mussten "die alten Zöpfe" abgeschnitten werden und auch durch die revolutionären Bewegungen dieser Zeit wurden die kurzen Haare für Männer zum Standard.
Die Schmalztolle im Rock'n'Roll war dann nach dem 2. Weltkrieg bereits ein Zeichen der beginnenden Rebellion. Der minimale Spielraum, die Haare oberhalb des Nackens etwas länger wachsen zu lassen, wurde ausgenutzt, um sich ein Stück Individualität zurückzuerobern. Da es in England nach dem zweiten Weltkrieg keine Wehrpflicht gab, bestand für die Beatles entsprechend noch mehr Freiheit und sie konnten die Pilzköpfe erfinden.
Und damit kamen sie im Februar 1964 in die USA und eroberten die Hitparaden. Und prägten die Richtung für die neu entstehende Jugendbewegung. Und die langen Haare kamen da genau zum richtigen Zeitpunkt, um sich vom Kurzhaarschnitt der Soldaten abzugrenzen und der Opposition zum Vietnam-Krieg einen deutlich sichtbaren Ausdruck zu verleihen.
Aber zunächst waren die langen Haare nur eine scheinbar harmlose Mode. Und die einheimischen Surf-Bands, die bis dahin den Ton angegeben hatten, glaubten noch, dass die Beatles nur eine vorübergehende Welle wären. Die Pyramids machten sich darüber lustig, indem sie mit Beatles-Perücken auf die Bühne kamen. Die wurden ihnen dann heruntergeblasen und darunter kamen Glatzen zum Vorschein.
Aber, was die Beatles gebracht hatten, verschwand nicht wieder. Unzählige Jugendliche kauften sich Gitarren und gründeten Bands nach dem Vorbild der Beatles. Diese wurden später Garagen-Bands genannt, weil das ihre typischen Übungsräume waren. Es entstand ein sehr kreativer Sound, aber da die gegenseitige Konkurrenz sehr groß war, gab es vergleichsweise nur wenige regional begrenzte Hits. Erst in den folgenden Jahren mit Psychedelic und Underground und schließlich mit Woodstock wurden einige Bands kommerziell so erfolgreich, dass sie von den Einnahmen aus ihrer Musik leben konnten.
Die Barbarians waren eine dieser 1964 hoffnungsvoll gegründeten Bands, denen der Erfolg letztlich versagt blieb und die sich bis 1968 wieder aufgelöst hatten. Von ihrer ersten Single "Hey Little Bird" gab es immerhin einen TV-Auftritt, der bei Youtube angesehen werden kann. Ihre zweite Single "Are You a Boy or Are You a Girl" schaffte es 1965 immerhin auf Platz 62 in den Hot Hundred.

Die Barbarians kamen aus Cape Cod in Massachusetts. Die Mitglieder der Band hatten lange Haare nach dem Vorbild der Beatles und der Rolling Stones, der Song "Are You a Boy or Are You a Girl" ist daher keine Parodie, sondern handelt von den Vorurteilen, die sie und viele andere Jugendliche damals erleben mussten. Zum Alltag der daraus entstandenen Hippiebewegung gehörte es leider oft, dass die Männer verprügelt und ihnen die langen Haare abgeschnitten und die Frauen vergewaltigt wurden.
In "Are You a Boy or Are You a Girl" geht es um den Beginn dieser Entwicklung, wo die langhaarigen Männer zunächst nur verspottet wurden. 1966 haben die Ravens dann die Zeile "Are you a girl or are you a boy" ergänzt, für Frauen, die nach dem Vorbild von Jean Seberg kurze Haare trugen. Verbreiteter waren bei den Hippiefrauen allerdings lange Haare wie bei den Männern, was als Abkehr von der Dauerwelle als ebenso rebellisch erschien.
Und ab 1974 gab es dann von Jayne County auch eine Version für Homosexuelle, die sich wie ein M-h-Mädchen fühlen, wenn sie, wen sonst, Dusty Springfield imitieren.
Was als provokative Mode begonnen hatte, wurde bei den Hippies und analog dazu in Deutschland in der Alternativbewegung der 1970er zur veränderten Lebensweise. Männer lernten in Wohngemeinschaften einen gleichberechtigten Anteil an der Hausarbeit zu erfüllen und die Hippieväter kümmerten sich nach dem Vorbild von John Lennon in gleicher Weise um ihre Kinder wie ihre Partnerinnen. Äußerlich waren Männer und Frauen in dieser Bewegung durch einen Einheitslook von langen Haaren, Parka und Jeans nicht mehr zu unterscheiden.
Aber es entstanden neue Subkulturen und veränderte Vorstellungen von Emanzipation verdrängten das, was die Hippies erreicht hatten. In den 1980ern wurde vertreten, dass Männer und Frauen sich in Männer- und Frauengruppen aufteilen sollten. In der aus der Alternativbewegung hervorgegangenen Graswurzelbewegung befand ich mich mit meiner Geschlechterneutralität der Hippies unvermittelt in einer politisch unerwünschten Randposition. In gleicher Weise wurde das Buch "Die androgyne Revolution" von der Feministin Élisabeth Badinter von der Frauenbewegung ignoriert.
Heute gibt es einen Mainstream, wo Frauen ausschließlich durch Berufstätigkeit als emanzipiert gelten, also wenn sie alle klassischen Frauenarbeiten auf Frauen mit einem geringeren sozialen Status abwälzen, auf Haushaltshilfen aka Putzfrauen, Tagesmütter oder im Extremfall bei der Schwangerschaft auf die Leihmutter.
In den Subkulturen besteht anscheinend ein Wettbewerb, sich durch immer weiter gesteigerte Manipulationen des eigenen Körpers vom Mainstream abzuheben. Immer mehr Piercings, immer mehr Tattoos. Und als Inbegriff der Emanzipation gilt neuerdings das durch Chirurgie und Pharmazie erworbene Geschlecht nach Wahl. Männer lassen sich Brüste formen, die niemals Milch geben werden. Und Frauen lassen sich einen Penis modellieren, mit sie niemals Kinder zeugen können.
Da es offenbar Menschen gibt, die das so wollen, mögen sie glücklich damit werden. Und selbstverständlich müssen wir sie vor Diskriminierung schützen. Sie erleiden die gleichen gewaltsamen Übergriffe wie einst die Hippies. Eigentlich müsste jemand für sie einen entsprechen angepassten Text von "Are You a Boy or Are You a Girl" schreiben. "You may have been a boy, but with your size-D boobs, hey, now you look like a girl", zum Beispiel.
Ich wünsche mir oft eine Zeitmaschine, damit ich denen, die ihr momentanes Weltbild als ultimativen Maßstab für die Ewigkeit ansehen, einmal die Zukunft zeigen könnte. Ein neues Geschlecht ist dann wahrscheinlich megaout, man kann sich echtes Fell oder Reptilhaut wachsen lassen. Oder Feenflügel. Gamer lassen sich die Schnittstelle zum Internet direkt ins Gehirn implantieren. Und Staaten produzieren gentechnisch optimierte Supersoldaten.
Was ich stattdessen bieten kann, ist der Blick in die Vergangenheit. Die Zukunft der Menschheit besteht nach wie vor durch die Menschen, die die Kinder bekommen. Emanzipation hängt also davon ab, ob die Menschen, die die Kinder bekommen, ein emanzipiertes Leben führen können. Bei den Hippies gab es deshalb den Grundsatz, das biologische Geschlecht anzuerkennen und die Aufgaben, die sich daraus in Bezug auf den Nachwuchs ergeben, solidarisch miteinander zu teilen. Während in allen anderen Bereichen des Lebens die Frage "Are you a boy or are you a girl" keine Rolle mehr spielen sollte.
Gerhard Knapienski
Nachtrag: Die Graswurzelrevolution hat sich geweigert, diesen Beitrag abzudrucken. Inhaltliche Gründe wurden nicht genannt, auf meine Nachfrage dazu bekam ich keine Antwort. Offensichtlich bestehen da Vorbehalte gegen queere Positionen. Bei der Suche im Internet mit den Begriffen "Graswurzelrevolution" und "queer" stößt man entsprechend auch nur auf die Erklärung einer Feministin von 2010 "Warum ich nicht queer bin" und ein Mann wirbt 2020 für die profeministischen Männerrundbriefe der 1990er, die von der "Notwendigkeit binärer Konzepte" getragen worden seien. Damit hat die Graswurzelrevolution sich nicht nur dauerhaft von ihren eigenen Anfängen in der Alternativbewegung der 1970er und deren Androgynität abgewendet, sondern hat ebenso die aktuelle queere Emanzipationsbewegung verschlafen. Aufwachen!
Are You a Boy or Are You a Girl?
Are you a boy? Or are you a girl?
With your long blond hair you look like a girl
Yeah, you look like a girl
You may be a boy, hey, you look like a girl
You're either a girl or you come from Liverpool
Yeah, Liverpool
You can dog like a female monkey, but you swim like a stone
Yeah, a rolling stone
You may be a boy, hey, you look like a girl
Hey! Aw!
Hey!
You're always wearing skin tight pants and boys wear pants
But in your skin tight pants you look like a girl
Yeah, you look like a girl
You may be a boy, hey, you look like a girl
Hey!
Are you a boy? Or are you a girl?
With your long blond hair you look like a girl
Yeah, you look like a girl
You may be a boy, hey, you look like a girl
Hey!
Yeah, you look like a girl, hey!
Yeah, you look like a girl, hey!
Yeah, you look like a girl, hey!
Yeah, you look like a girl, hey!
Bist du ein Junge oder bist du ein Mädchen?
Bist du ein Junge? Oder bist Du ein Mädchen?
Mit deinen langen blonden Haaren siehst du aus wie ein Mädchen
Ja, du siehst aus wie ein Mädchen
Du magst ein Junge sein. heh, du siehst aus wie ein Mädchen
Du bist entweder ein Mädchen oder du kommst von Liverpool
Ja, von Liverpool
Du kannst dich zum weiblichen Affen machen, aber du schwimmst wie ein Stein
Ja, wie ein rollender Stein
Du magst ein Junge sein. heh, du siehst aus wie ein Mädchen
Heh! Auweia!
Heh!
Du trägst immer hautenge Hosen und Jungs tragen Hosen
Aber in deinen hautengen Hosen siehst Du aus wie ein Mädchen
Ja, du siehst aus wie ein Mädchen
Du magst ein Junge sein. heh, du siehst aus wie ein Mädchen
Heh!
Bist du ein Junge? Oder bist Du ein Mädchen?
Mit deinen langen blonden Haaren siehst du aus wie ein Mädchen
Ja, du siehst aus wie ein Mädchen
Du magst ein Junge sein, heh, du siehst aus wie ein Mädchen
Heh!
Ja, du siehst aus wie ein Mädchen, heh!
Ja, du siehst aus wie ein Mädchen, heh!
Ja, du siehst aus wie ein Mädchen, heh!
Ja, du siehst aus wie ein Mädchen, heh!
Version der Ravens
Are you a girl? Or are you a boy?
With that short blond hair you know you look like a boy
Hey, you look like a boy
And you know now girl, you act like a boy
Bist du ein Mädchen? Oder bist du ein Junge?
Mit deinen kurzen blonden Haaren, weißt du, siehst du aus wie ein Junge
Heh, du siehst aus wie ein Junge
Und du weißt jetzt Mädchen, du benimmst dich wie ein Junge
Version von Jayne County
You got your hair teased up like Dusty Springfield
You got all your fingernails painted bright red
Are you Ringo?
Are you a boy tell me or are you a girl?
In your bleached blonde hair you sure do look just like a g-h-girl
You may be a boy but hey you look like a girl
Du hast dein Haar hochgestylt wie Dusty Springfield
Du hast alle Fingernägel leuchtend rot angemalt
Bist du Ringo?
Bist du ein Junge, sag mir, oder bist du ein Mädchen?
Mit deinen gebleichten blonden Haaren siehst du ganz besrtimmt aus wie ein M-h-Mädchen
Du magst ein Junge sein, aber, heh, du siehst aus wie ein Mädchen