- Hundert Jahre Quantenphysik 1 -
Brauchen wir den Dialektischen Materialismus?
Spoiler: Nein. Doch beginnen wir am Anfang. Seit vielen Jahrtausenden sammelt die Menschheit Wissen, aber Wissenschaft im heutigen Sinne wurde daraus erst vor ungefähr 400 Jahren. Johannes Kepler hatte versucht, die Abstände der Planetenbahnen mit den fünf regelmäßigen Körpern der Geometrie in Einklang zu bringen. Als dabei stets Abweichungen blieben, schaffte er es, die fixe Idee von den regelmäßigen Körpern aufzugeben.
Kepler erkannte, dass die Natur immer recht hat und alle Theorien sich dem beugen müssen. Er entdeckte dann die tatsächlichen Gesetzmäßigkeiten der Planetenbahnen. Statt auf idealen Kreisbahnen, was als göttliches Prinzip angesehen wurde, bewegen sich die Planeten auf Ellipsen, benannt nach dem griechischen Wort für Mangel.
Weitere wichtige Schritte kamen von Isaac Newton. Der Apfel fällt zum Erdboden herunter? Eine Banalität. Auch, dass der Apfel in gleicher Weise die Erde anzieht, war bereits vorher vermutet worden. Newton gelang es aber, dies mit der neu entwickelten Mathematik der Differentialgleichungen zu verbinden und es als universelle Gesetzmäßigkeit zu formulieren, die in gleicher Weise für Objekte auf der Erde wie für Himmelskörper gilt. Die Sphäre der Götter wurde entzaubert. Dort galten die gleichen Naturgesetze wie für uns Menschen.
Wenn wir etwas anstoßen und dadurch in Bewegung versetzen, dann wird diese Bewegung sich verlangsamen und bald zum Stillstand kommen. Das ist unsere Alltagserfahrung. Newton verkündete nun aber, dass der Normalfall entgegen all unserer Intuition darin bestünde, dass die Bewegung beibehalten würde. Die Verlangsamung hier auf der Erde beruht darauf, dass es überall mindestens durch den Luftwiderstand Reibung gibt, die jede Bewegung abbremst.
Für Planeten besteht kein solcher Luftwiderstand, folglich können diese sich endlos lange auf ihren Bahnen bewegen. Auch hier bestehen also die gleichen Gesetze für Himmel und für Erde. Newton hatte diesen Zusammenhang korrekt aus den Vorarbeiten von Kepler und Galilei und vielen anderen, darunter Arabern und Indern, hergeleitet. Newton hat dazu gesagt, er hätte auf den Schultern von Riesen gestanden.
Die Kirche arrangierte sich und fand eine Interpretation, die ihren Fortbestand ermöglichte. Gott hatte das Sonnensystem irgendwann einmal für uns Menschen erschaffen und mischt sich seitdem nicht mehr ein. Es geschehen also auch keine Wunder mehr. Die Naturwissenschaften durften damit dann endlich alles frei erforschen, ohne Angst der Ketzerei beschuldigt zu werden.
Beispielsweise verwandelten sich Blitze vom göttlichen Mittel der Bestrafung so zu einem Phänomen elektrischer Aufladung in Gewitterwolken, das wir verstehen und vor dem wir uns schützen können. Allerdings wurde die Verwendung von Blitzableitern noch im 19. Jahrhundert in den USA von einigen Menschen als Gotteslästerung angesehen.
In der Geschichte der Menschheit waren es sehr unterschiedliche Völker, die jeweils am weitesten fortgeschritten waren. Die Sumerer, die Ägypter, die Perser, die Griechen, die Mongolen, die Chinesen, die Inder, die Araber. 1683, vier Jahre bevor Newton seine Gesetze der Bewegung veröffentlicht hatte, standen die Osmanen vor Wien. Noch bis ins 19. Jahrhundert wurden über eine Million Europäer von nordafrikanischen Piratenschiffen, die Jagd auf das "weiße Gold" machten, bei Überfällen auf europäische Küstenorte verschleppt und im Orient als Sklaven verkauft.
Es war die Entwicklung der Wissenschaft, durch die Europa schließlich die Führung in der Welt übernehmen konnte. Die Fähigkeit, immer bessere Fernrohre, Seekarten und Schusswaffen herzustellen, machte es erst möglich, mit den Segelschiffen in immer entferntere Regionen der Erde zu gelangen und die dort lebenden Menschen zu unterwerfen. Entsetzliche Verbrechen wurden dabei begangen.
In einem Text einer Feministin, die anschließend Schamanin werden und mit Steinen reden wollte, habe ich die Argumentation gelesen, dass Kolumbus nur deshalb Amerika entdeckt hat, weil das kapitalistische Interesse bestand, einen westlichen Seeweg nach Indien zu finden. Als ob Kolumbus bei anderer Interessenlage irgend etwas anderes hätte entdecken können.
In einem sehr bekannten Video von 2016 mit dem Titel "Science Must Fall" behauptete eine Studentin in Südafrika, dass Newtons Gesetz von der Schwerkraft ein Ausdruck der westlichen Moderne sei und man sich zur Entkolonialisierung der Wissenschaft davon trennen und eine davon unabhängige afrikanische Perspektive entwickeln müsse. Sie begründete das damit, dass es durch Schwarze Magie möglich sei, einen Blitz auf jemanden herab zu schicken, und dass die westliche Wissenschaft nicht in der Lage sei, das zu erklären.
In den nachfolgenden Diskussionen kamen heftige Kommentare. Sie solle zurück in den Busch gehen. Wenn sie entkolonialisiert werden wolle, solle sie aufhören westliche Kleidung zu tragen. Dito für Lesen/Schreiben, sauberes Wasser, medizinische Versorgung, iPhone, Laptop. Südafrika sei unter der Apartheid ein besseres Land gewesen.
Auf der anderen Seite gab es dann unzählige wohlmeinende Erklärungen, was all diese mehrheitlich weißen Kritiker nicht verstanden hätten. Womit letztlich nur ein Sanewashing für die Schwarze Magie betrieben wurde und die Entkolonialisierung keinen Schritt voran kam.
Ein Teil der antiwissenschaftlichen Realität sah leider auch so aus, dass Thabo Mbeki, der von 1999-2008 Präsident von Südafrika war, sich zum AIDS-Leugner gewandelt hatte und den Kranken durch seine Politik Medikamente vorenthalten wurden. Stattdessen wurden Olivenöl, Knoblauch und Rote Bete empfohlen. Folge waren 330000 vermeidbare Tote. Südafrika ist auch eines der 44 Länder, in denen in heutiger Zeit immer noch Frauen für Hexen gehalten und getötet werden.
Während der Blitze schleudernde Medizinmann nur in der Mythologie und in schlechten Hollywood-Filmen existiert, ist die westliche Wissenschaft längst dabei Drohnen zu entwickeln, von denen aus Laserstrahlen auf Menschen gerichtet werden können. Aber auch dort gibt es wissenschaftsfeindliche Entwicklungen. In den USA wurden durch den neuen Gesundheitsminister RFK Gelder für Impfprogramme gekürzt. Gegen Masern solle man Vitamin A und Lebertran nehmen.
Die Opfer wird es hauptsächlich in afrikanischen Ländern geben, wo Impfungen mangels Finanzierung nicht mehr durchgeführt werden können. Die Vision von der einen Welt, im der wir alle durch gleiche Wertvorstellungen vereint sind, findet ihren Ausdruck ausgerechnet in einer Globalisierung der Dummheit.

Heron von Alexandria - Öffnungsmechanismus für die Tempeltür
In der Antike waren viele wissenschaftliche Erkenntnisse einem inneren Zirkel (wörtliche Bedeutung von Esoterik) der Priesterschaft vorbehalten. Wissenschaft konnte daher zum Betrug eingesetzt werden. Am Zugang zum Tempel wurde ein Feuer entfacht. Dadurch wurde ein verborgener Kessel mit Wasser erhitzt. Der Wasserdampf hat dann schließlich durch seinen Druck einen Mechanismus in Gang gesetzt und das Tor zum Tempel öffnete sich. Die Göttin hatte sich als gnädig erwiesen und gewährte durch ihre übernatürliche Kraft Zutritt.
Im "Book of Charlatans" von Jamāl al-Dīn wird berichtet, dass jemand mit geeigneten Chemikalien Blumen und Früchte haltbar gemacht hat. Diese Dinge wurden dann außerhalb ihrer spezifischen Jahreszeit einem staunenden Publikum vorgeführt. Seht her, nur Gott konnte eine solche Macht verliehen haben, es musste sich daher um einen wahren Propheten handeln. Und die Spendengelder flossen reichlich.
Nachdem in Europa der Fortschritt im Alltag immer mehr sichtbar wurde, etwa durch die Verbreitung von Büchern und durch Uhren auf Kirchtürmen, bekam die Wissenschaft ein hohes Ansehen und die neu entstehende Betrugsmasche bestand darin, Wissenschaft vorzutäuschen. In "Die Macht der Charlatane" von Grete de Francesco werden Quacksalber als diejenigen beschrieben, die etwas versprechen, was sie nicht geben können. Die vorgeben einen Wert, eine Form oder eine Macht zu beherrschen, über die sie nicht verfügen. Die andere glauben machen, was sie selbst nicht glauben. Die als Destillierer von Lügen auf die Gutgläubigkeit und Dummheit von Menschen spekulieren.
Im 19. Jahrhundert erreichte das von Newton angestoßene mechanistische Weltbild seinen Höhepunkt. Magnetismus und Elektrizität wurden erforscht. Kraftwerke und dadurch angetriebene elektrische Geräte wurden entwickelt. Die elektromagnetischen Wellen wurden entdeckt. Ein Teil davon entspricht dem sichtbaren Licht, ein anderer Teil konnte in Form von Radiowellen nutzbar gemacht werden, um Informationen und Unterhaltungsprogramme zu verbreiten.
Die Quacksalber erfanden in diesem Fahrwasser den animalischen Magnetismus aka Mesmerismus. Ein Magnet wird an einem Menschen entlang bewegt und behauptet, dadurch Krankheiten diagnostizieren und heilen zu können. Nachdem über Telegrafenleitungen Morsesignale übermittelt wurden, schossen Séancen wie Pilze aus dem Boden, bei denen die Seelen von Verstorbenen sich vorgeblich über Klopfgeräusche bemerkbar machten. Handwerker verdienten gut mit der Herstellung spezieller Tische, die durch einen verborgenen Mechanismus wie durch Geisterhand angehoben werden konnten.

18. Jahrhundert - Wunderdoktor "heilt" einen Bauern durch Elektroschocks
Die Methoden der Naturwissenschaft wurden dann auch auf die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft angewendet. Das bekannteste Beispiel dafür ist Karl Marx. Es führte dazu, dass nach der Machtübernahme durch die aus dem Marxismus hervorgegangene Partei der Arbeiterklasse in der Oktoberrevolution von 1917 die Arbeiter zunehmend von allen Entscheidungen ausgeschlossen wurden. Die Partei wusste ja bereits mit wissenschaftlicher Absolutheit, was im Interesse der Arbeiter liegt, und musste diese folglich nicht mehr fragen.
In der Liste der Demozide, also der Massenmorde von Regierungen an der eigenen Bevölkerung, belegen die Sowjetunion mit 62 Millionen und das kommunistische China mit 77 Millionen Toten die beiden vordersten Plätze. Auch wenn solche Zahlen nur grobe Schätzungen sein können, handelt es sich mit Abstand um die tödlichste Ideologie, die je von Menschen hervorgebracht wurde. Und es gibt immer noch Leute, die das vertreten.
Ähnlich verhängnisvoll entwickelten sich die Versuche, die Evolutionstheorie von Charles Darwin auf Menschen zu übertragen. In der Eugenik/Rassenhygiene wurde vertreten, dass nur Menschen mit gesunden Genen sich vermehren sollten, damit die Erbanlagen eines Volkes verbessert würden. Wenn sich das durchgesetzt hätte, dann hätte es aber die genetische Diversität vermindert und damit der evolutionären Weiterentwicklung der Menschheit geschadet. Das hätte man bereits wissen können. Beim Adel hatte der Glaube an die Überlegenheit der eigenen Gene zu Inzucht und Degeneration geführt.
In der Rassenlehre wurden Menschen in Rassen eingeteilt und zwischen diesen eine Rangordnung konstruiert. Das führte zur Ermordung von Millionen Juden durch die Nazis. Ebenso wurde die Versklavung von Schwarzen damit gerechtfertigt. In der Tropenmedizin wurden im Namen der Wissenschaft entsetzliche Experimente an der afrikanischen Bevölkerung durchgeführt. Pjotr Kropotkin hatte dieser einseitigen Interpretation des Darwinismus mit dem "Prinzip der gegenseitigen Hilfe in der Tier- und Menschenwelt" eine immer noch aktuelle anarchistische Position entgegengesetzt.
Wissenschaft war seit der Renaissance auch mit den Geistesströmungen des Humanismus und der Aufklärung verbunden. Das führte zur Deklaration von Menschenrechten. Gegen die gottgegebene Herrschaft des Adels wurde die Demokratie gesetzt. Die Hexenverfolgung in Europa wurde beendet. Die Sklaverei wurde zumindest in ihren offensichtlichen Formen abgeschafft. Frauen bekamen gleiche Rechte wie die Männer. Kriege sollten durch eine internationale Schiedsgerichtsbarkeit überwunden werden. Der Fortschritt in Naturwissenschaft und Technik war in diesem Weltbild mit gesellschaftlichem Fortschritt gleichbedeutend. Hat leider nicht ganz geklappt.
Im 20. Jahrhundert wurde das physikalische Weltbild erheblich aufgemischt. Albert Einstein entdeckte in seiner Relativitätstheorie, dass Raum und Zeit nicht konstant sind, sondern davon abhängen, mit welcher Geschwindigkeit wir uns relativ zueinander bewegen. Schwerkraft beruht auf einer Krümmung der Raumzeit und Masse kann in Energie umgewandelt werden. Darstellungen zur Veranschaulichung der Relativitätstheorie in der Presse und in einem Film von 1922 dienten den Nazis dazu, die "jüdische Wissenschaft" ins Lächerliche zu ziehen und sie wollten dem eine Deutsche Physik entgegensetzen.
Der Bau der Atombombe und die Skrupellosigkeit von KZ-Ärzten wurden nach dem 2. Weltkrieg zur Grundlage von Wissenschaftskritik und der Abkehr von Fortschrittsgläubigkeit. Albert Einstein gehörte mit zu denen, die sich gegen die Atombombe engagierten und Wissenschaftler stehen seitdem immer wieder an der Spitze von Oppositionsbewegungen: gegen Atomkraftwerke, gegen Gentechnologie und gegen den Klimawandel.
Die Relativitätstheorie zeigt heutzutage ihren Nutzen, indem dadurch die Bahnen von Satelliten mit der erforderlichen Genauigkeit berechnet werden können, damit wir von diesen mit GPS versorgt werden. Als Einstein seine Ideen entwickelte, kannte man nur unsere Milchstraße und Andromeda. Inzwischen weiß man, dass unser Universum viele Hundert Milliarden Galaxien enthält, von denen jede aus mehreren Hundert Milliarden Sternen besteht. Das Universum dehnt sich aus und hat einen Beginn vor ungefähr 13,8 Milliarden Jahren.
Und selbstverständlich bleibt da noch unendlich viel, das wir nicht wissen. Big Bang oder Big Bounce? Dunkle Energie und Dunkle Materie oder Modifizierte Newtonsche Dynamik? Stringtheorie oder Schleifen-Quanten-Gravitation? Das ist völlig egal. Forschung ist ein permanenter Prozess, wo alle Antworten, die wir finden, unvermeidlich zu neuen Fragestellungen führen. Und das ist gut so. Eine Welt, wo wir irgendwann alles wissen könnten, wäre langweilig.
Teil 2...
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